Sonntag, Oktober 23, 2005

Mitfahrzentrale

Die Autobahn Tales der geschätzten Spreepiratin erinnerten mich an meine eigenen Erfahrungen mit der Mitfahrzentrale.

Damals noch im Studium und an dem dritten Semester dann auch mit dem ersten eigenen Auto gesegnet nahm ich des öfteren Leute über die Mitfahrzentrale mit. Der denkwürdigste Ritt war eine Fahrt von Stuttgart nach München. Es muß Ende Januar oder Anfang Februar gewesen sein, als wir uns am Stuttgarter Hauptbahnhof trafen. Ein Ami, zwei Russen und ich. Der Ami war auf Europareise und fand alles "awesome, dude". Die beiden Russen waren eher schweigsam, denn sie sprachen kein Wort Deutsch. Das war auch der Grund warum der eine Russe seinen Bruder dabei hatte, der mir das Benzingeld für die beiden in die Hand drückte und auf gebrochenem Deutsch zu mir meinte "Bringän Müncchhen Chauptbahnhof!" Alles klar, Sergej!

Die beiden Russen zwängten sich auf die Rückbank meines Ford Fiesta, ihre kleinen Sporttaschen nahmen sie auf den Schoß. Der Ami schwang sich auf den Beifahrersitz und wir möhrten los. Und der Ami fing an ohne Punkt und Komma zu sabbeln, was er so alles erlebt hatte und was er an Deutschland so alles geil fand, "awesome" eben. Es war jetzt aber nicht so, daß daraus eine Konversation entstehen konnte, denn jedesmal wenn ich dem Ami ob seiner Erzählungen was entgegnen wollte, quatschte er einfach weiter. Die beiden Russen verstanden eh nichts und füllten nur massiv meinen Rückspiegel aus. Ich entschloss mich also, einfach auf Durchzug zu schalten und den Ami sabbeln zu lassen.

Für alle Süddeutschlandunkundigen, der Weg von Stuttgart nach München für über die A8 und die Schwäbische Alb. Während es in Stuttgart schneefrei war, wählten wir uns bei Geislingen schon durch den Schneematsch. Das wäre nicht weiter tragisch gewesen, wenn sich just in dem Moment als er dringend benötigt worden wäre der Scheibenwischermotor das zeitliche gesegnet hätte. Die Frontscheibe setzte sich immer weiter mir Schneematsch zu und es wurde ein sehr anstrengender Halbblindflug über die Autobahn. Gelegentlich hielten wir an um die Scheibe wieder mit Schnee freizureiben und dann weiterzufahren. Dieses Procedere wiederholte sich ungefähr alle 30 km. Die Russen störte das nicht weiter, sie schauten mich nach wie vor still und leicht missvergnügt aus dem Rückspiegel an. Der Ami sabbelte weiter.

Pinkelpause machten wir irgendwo hinter Ulm. Auto abgestellt, ausgestiegen, die Russen pellten von der Rückbank meines Auto, kollektiver Klogang und weiter. Als alle wieder im Auto sassen und ich die Karre wieder anlassen wollte, ging der Anlasser nicht und die Möhre sprang nicht an. Drei Augenpaare schauten mich verwundert an. Ich wusste, woran es lag, mein Fiesta hatte immer ein Problem beim Anlassen wenn der Motor warm war. In diesem Fällen klemmte immer das Magnetventil des Anlassers. Aber dagegen gab es ein probates Mittel, ich zog den Hebel zur Motorhaubenentriegelung, kramste unter dem Fahrersitz, holte einen Hammer hervor und stieg aus. Motorhaube auf, drei kräftige Hammerschläge auf den Anlasser, Haube zu, eingestiegen, angelassen, der Motor lief. Dem Ami entfuhr nur ein "What the f***!" und dann schwieg er, wahrscheinlich mit dem Gedanken beschäftigt ob er irgendwann noch wohlbehalten in München ankommen würde.

Die Russen hingegen lachten sich scheckig ob der Anlasserszene und fingen an, mich auf russisch zuzutexten und mir irgendwelche Geschichte zu erzählen. Da der eine Russe immer was von "Moskwitsch" sabbelte, reimte ich mir zusammen, daß er von seinem Auto erzählte, was wohl mit ähnlichen Mitteln zum Funktionieren überredet werden musste wie mein Fiesta. Dabei gestikulierten sie wild auf der Rückbank und machten immer wieder die Handbewegung des Hammerschlages nach und lachten weiter.

In München angekommen trollte sich der Ami recht wortlos, wobei ich mich immer noch frage, ob ihn die Angst um seine Sicherheit in meinem Auto so sprachlos machte oder er war einfach beleidigt, daß er ob des ungeahnten Wortschwalls der Russen nicht mehr zu Wort kam. Die Russen verabschiedeten sich mit einem herzlichen Schulterklopfen und gingen vergnügt sabbelnd davon.

Langweilig war diese Fahrt gewiß nicht.