Mittwoch, Mai 11, 2005

Corporate Blogging und wann ist Blogging Journalismus

Dieses Thema kam am Montag ebenfalls kurz zur Sprache, in Deutschland sind mir bislang nur peinliche Gehversuche diesbezüglich bekannt. Beim Blick über den großen Teich bin ich über diese Diskussion bei The Huffington Post gestolpert.

Ein paar Auszüge:
save_the_rustbelt schreibt: "Probably has something to do with SEC regulations, too much danger of inadvertantly saying something the lawyers will pounce on."

Gerade in den USA ist Unternehmenskommunikation sehr sensibel, ein mal Niesen und dein Aktienkurs hat Grippe. Daher denke ich nicht, daß man sich als Unternehmen mit einem Blog einen weiteren Kommunikationskanal aufmachen wird, es sei denn, die konstruktive Auseinandersetzung mit Problemen und Wünschen aller Anspruchnehmer an das Unternehmen ist fest verankerter Teil der Unternehmenskultur. Das ein äußerlich so hip und offen wirkendes Unternehmen wie Apple sehr schwer mit dem Thema Fan-Blogs tut, zeigt die Schere zwischen offener Diskussionskultur und Geheimhaltung unternehmerischer Entwicklungen.
Ronald Ayers schreibt: "The GM FastLane Blog was created by John Lutz, who I believe is the CEO of GM. That blog breaks new ground by accepting negative comments about GM products, with no censorship. Indeed, Lutz responds to those comments in his posts."

Wenn dem so ist (was ich noch nicht gecheckt habe) dann wäre das das Musterbeispiel für Corporate Blogging.
Karen schreibt: "Blog entries are difficult to shred when it all hits the fan."

Nothing to add to that... ;-)

Aber nochmal zurück zum Thema Apple. In dem oben erwähnten Bericht bei tagesschau.de finde ich zwei Passagen sehr interessant:
"So könnte ein kalifornisches Berufungsgericht entscheiden, was Journalisten und Medienwissenschaftler derzeit hitzig diskutieren: Wo hören private Weblogs auf, wo fängt Journalismus an? In der ersten Instanz hatte sich Richter James Kleinberg klar auf Apples Seite gestellt: Egal ob Blogger oder Journalist, die Veröffentlichung der Firmenunterlagen wäre niemandem erlaubt gewesen. Trotz aller Fan-Neugier: "Interesse in der Öffentlichkeit ist nicht das gleiche wie öffentliches Interesse", schrieb Kleinberg den Bloggern ins Stammbuch. Schließlich hätten die Insider-Informationen hier nicht etwa geholfen, Umweltschäden oder Gesundheitsrisiken aufzudecken."

Auf jeden Fall respektiere ich Apples Anspruch auf Geheimhaltung ihrer Produktentwicklungen, aber der Umstand, daß die in den Fan-Blogs veröffentlichten Neuheiten aller Wahrscheinlichkeit nach von Mitarbeitern aus dem Unternehmen den Bloggern zugespielt wurde, zeigt das ursprüngliche Problem: Apple muß hier erstmal vor der eigenen Türe kehren und die Informationsherausgabe bei den eigenen Angestellten unterbinden. Schwierigerer Part, einfacher ist da die Klage gegen die Blogbetreiber.
Aber auf die Frage wo private Weblogs aufhören und wo Journalismus anfängt, habe ich noch keine Antwort. In der grundsätzlichen Tätigkeit (Themenrecherche, Verfassen von Artikeln und publizieren) sind sie sich gleich - wenngleich auf verschiedener professioneller Ebene. Ist es dann Journalismus, wenn es im Auftrag einer Publikation stattfindet? Oder ist es dann Journalismus, wenn hinter der Publikation eine Gewinnerzielungsabsicht - materieller oder immaterieller Art (Imagegewinn) steht?

Nochmals zurück zum Thema Apple:
"Auf jeden Fall noch einmal Wirbel um Apple, Weblogs und die Meinungsfreiheit: Der vom Magazin "Wired" befragte US-Soziologe Gary Fine argwöhnt sogar, dass Apple das nicht ungelegen kommt: "Bei einem Gerücht bekommt eine Firma zwei Mal Aufmerksamkeit: Erst durch das Gerücht, dann durch die offizielle Ankündigung einer Neuheit." Vielleicht wollte Apple mit dem Prozess gar ein drittes Mal Aufmerksamkeit auf sich lenken, so Fines gewagte These. So oder so ist Apple nicht allein - auch Microsoft geht momentan gegen einige Websites vor, die angebliche Produktneuheiten ankündigen."

Also doch kühle Berechnung? Ich zweifel ja hier auch an der Aussage "Besser negative PR als gar keine PR". Meiner Meinung nach hat Apple immer versucht, sich ein offenes und liberales Image zu geben und dies auch streckenweise glaubhaft verkörpert. Dieser Gerichtsstreit ist für meine Wahrnehmung des Unternehmens daher eher kontraproduktiv.
(Ob sich jetzt mein Powerbook nach dem Schreiben dieser Zeilen selber zerstört?)

Auf, auf in die Diskussion!